Sich aus der Nähe kümmern
Ein Brief von uns allen aus den Giardini di Giulia
Wir schreiben dir von dem Ort, an dem wir fast jeden Tag verbringen: zwischen den Pflanzen. Wir sind diejenigen, die ihnen beim Wachsen zusehen, sie eine nach der anderen vorbereiten, bevor sie auf die Reise gehen, deine Fragen lesen, wenn ein Blatt gelb wird, und nach der richtigen Antwort suchen. Seit drei Generationen beginnt unsere Arbeit immer auf dieselbe Weise: mit den Händen in der Erde.
Es ist eine einfache Geste: ein kleines Loch graben, eine Jungpflanze einsetzen, die Erde rund um die Wurzeln sanft andrücken. Wir wiederholen sie jeden Tag, und doch verlangt sie uns jedes Mal dasselbe ab: Aufmerksamkeit und ein wenig Geduld. Im Laufe der Jahre haben wir gelernt, dass man sich nicht aus der Ferne um eine Pflanze kümmern kann. Sie braucht jemanden in ihrer Nähe, der immer wieder nach ihr sieht und sie kennenlernt.
Dieser Brief beginnt genau dort: bei einer Entscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben und dir ganz einfach erzählen möchten.
Wenn Grün zu einer Möglichkeit wird, Zeit miteinander zu verbringen
Manche stecken beruflich die Hände in die Erde, so wie wir, andere kommen auf anderen Wegen dazu. Seit einiger Zeit beziehen Therapeutinnen und Therapeuten sowie pädagogische Fachkräfte Gärten und Beete in Angebote für Kinder und Jugendliche mit Autismus ein. Sie nennen es Gartentherapie: Säen, Umtopfen und Gießen werden unter Anleitung ausgebildeter Fachkräfte zu Gelegenheiten, Aufmerksamkeit, Beziehungen und Selbstständigkeit zu fördern.
Als wir von ihren Erfahrungen lasen, erkannten wir vieles wieder. Im Chicago Botanic Garden begleitete eine Therapeutin eine Saison lang Kinder und Erwachsene mit Autismus bei wöchentlichen Angeboten im Garten. Sie stellte fest, dass die Pflanzen eine ruhige Pause bieten: Geräusche, Bewegungen und Farben fesseln die Aufmerksamkeit, ohne sie zu überfordern. 72 % der Teilnehmenden wirkten bei den Aktivitäten im Garten weniger ängstlich als zu anderen Tageszeiten.
Sie beobachtete auch, wie hilfreich eine einfache, immer gleiche Abfolge ist: ein Loch graben, die Pflanze aus dem Topf nehmen, einsetzen und die Erde wieder darüber verteilen. 77 % der Teilnehmenden konnten diesen Schritten besser folgen und sie selbstständig wiederholen. Außerdem veränderte sich der Umgang mit dem Tastsinn Woche für Woche: Wer anfangs vermeiden wollte, sich die Hände schmutzig zu machen, wurde schließlich neugierig darauf.
In Indien bezog ein Programm der Kerala Agricultural University ein Jahr lang 44 Jugendliche mit Autismus im Alter von 10 bis 15 Jahren in Anbauaktivitäten im Innen- und Außenbereich ein. Die Studie stellte eine Verbesserung ihrer emotionalen Intelligenz fest.
Es handelt sich um Erfahrungen mit kleinen Gruppen, die Therapien nicht ersetzen, sondern ergänzen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Doch was darin beschrieben wird, kennen wir aus unserem Alltag, denn wir erleben es jeden Morgen: Zeit mit Pflanzen tut gut.
Was uns Pflanzen allen beibringen
Eine Pflanze hat es nicht eilig und verträgt auch unsere Eile nicht. Zu viel Wasser erstickt sie, zu wenig schwächt sie. Sie braucht einen bestimmten Rhythmus und zeigt ihre Veränderungen nach und nach. Jedes neue Blatt ist ein kleiner Meilenstein, und wenn es erscheint, freuen wir uns noch immer darüber – auch nach so vielen Jahren.
Und dann sind da noch die Sinne. Glatte Blätter, samtige Blätter, fleischige Blätter. Der Duft von Rosmarin, wenn man ihn berührt, das Geräusch des Wassers, das in den Topf fließt, das Gewicht feuchter Erde zwischen den Fingern. Ein Blumentopf auf der Fensterbank ist schon ein kleiner Garten zum Anfassen.
Wenn du es zu Hause mit einem Kind ausprobieren möchtest
- Wähle ungiftige Pflanzen: Einige gängige Zimmerpflanzen sind beim Verschlucken giftig. Küchenkräuter wie Basilikum, Minze und Rosmarin sind ein guter Anfang.
- Teile jede Aktivität in wenige klare Schritte auf und wiederhole sie immer in derselben Reihenfolge.
- Lass das Kind selbst entscheiden, wie viel es berühren möchte: Der Kontakt mit der Erde wird angeboten, nicht aufgezwungen.
- Gib jedem Kind einen eigenen Topf, damit die Pflanze zu einer persönlichen Verantwortung wird.
- Erwarte keine schnellen Ergebnisse: Wichtig ist, immer wieder nach der Pflanze zu sehen und sich regelmäßig um sie zu kümmern.
Aus der Nähe unterstützen
Pflanzen adoptiert man nicht aus der Ferne: Man kümmert sich aus nächster Nähe um sie. Aus demselben Gedanken heraus entstand 2005 das Sozialunternehmen i Bambini delle Fate, gegründet von Franco Antonello, dem Vater von Andrea, einem Jugendlichen mit Autismus. Seitdem unterstützt es Projekte und inklusive Angebote für Jugendliche und Familien mit Autismus und anderen Behinderungen finanziell, die von lokalen Vereinen umgesetzt werden.
Ihr Grundgedanke hat uns beeindruckt, weil er unserer Arbeit so ähnlich ist. Unternehmerinnen, Unternehmer und Privatpersonen „adoptieren aus nächster Nähe“ ein Projekt und begleiten es über längere Zeit: keine einmalige Geste, sondern dauerhafte Unterstützung. In ihrer Sprache macht sich jemand, der ein Projekt unterstützt, die Hände schmutzig. Ein Ausdruck, den wir gut kennen.

La Casa di Pandora
Das Projekt, das wir unterstützen möchten, heißt La Casa di Pandora. Es ist ein vielseitiges Zentrum in Bari für Kinder und Jugendliche mit Autismus und ihre Familien. Ins Leben gerufen und verwirklicht wurde es von Asfa Puglia, einem von Eltern gegründeten Verein – auch dank der kontinuierlichen monatlichen Unterstützung von Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich entscheiden, i Bambini delle Fate zur Seite zu stehen.
Dort nehmen Kinder und Jugendliche gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften und Spezialistinnen und Spezialisten an Bildungsangeboten teil, treiben Sport, spielen, kochen zusammen und machen bei Projekten mit Schulen mit – gemeinsam mit Angehörigen, Freunden und Mitschülerinnen und Mitschülern. Bei der Eröffnung erinnerte die Vorsitzende von Asfa Puglia daran, dass gemeinsame Aktivitäten mit einem Mitschüler mit Autismus „eine Chance sind, die man ergreifen sollte“. Diesen Satz haben wir mit nach Hause genommen.
Warum wir dir davon erzählen
Wir schreiben dir nicht, um dich um etwas zu bitten. Wir schreiben dir, weil diese Entscheidung zu uns gehört und alle, die uns schon lange begleiten, davon erfahren sollen. Seit diesem Herbst kommt ein Teil unserer Arbeit La Casa di Pandora zugute: So machen wir uns auch dort die Hände schmutzig.
Wenn du mehr über das Projekt erfahren möchtest, wende dich an i Bambini delle Fate: Dort findest du ihre Geschichten und erfährst, wie du das Projekt unterstützen kannst.
Herzlich,
wir alle aus den Giardini di Giulia